Mähgutübertragung hat sich bewährt

Wie ein artenreicher Kalkmagerrasen auf den Lechfeldhaiden bei Scheuring entstand

Die eingewachsene Fläche mit der gut entwickelten Hecke im Oktober 2020. (Foto: S. Schulz)

Die eingewachsene Fläche mit der gut entwickelten Hecke im Oktober 2020. (Foto: S. Schulz)
© S. Schulz

Die Lechfeldhaiden östlich von Scheuring und nordöstlich der Lech-Staustufe 20 im Landkreis Landsberg/Lech gehören zum ca. 2,5 ha großen Flora-Fauna-Habitat-Gebiet (FFH Gebiet) „Lech zwischen Landsberg und Königsbrunn mit Auen und Leite“ und gelten als eines der bedeutendsten Heidelandvorkommen in Südbayern. Sie bestehen aus einer Auen- und Niederterrassenlandschaft. In diesen besonderen Biotopen leben viele wertvolle Tier- und Pflanzenarten, wie zum Beispiel der Dunkler Wiesenknopf-Ameisenbläuling (Maculinea nausithous) und der Schachbrettfalter (Melanargia galathea).

Ohne Biotopverbund keine Weiterverbreitung
Die Lechfeldhaiden sind ein zentraler Bestandteil der Biotopbrücke zwischen den Alpen und dem Jura. Entlang von Weg- und Straßenrändern, Leitungstrassen, Hochwasserdämmen oder Bächen werden Samen und Kleinstlebewesen vom fließenden Wasser oder im Fell und zwischen den Klauen von wandernden Schafherden als „Blinde Passagiere“ von einem Lebensraum zum anderen transportiert. So können neue Biotope besiedelt und potenzielle Fortpflanzungspartner gefunden werden.

Standort mit besonderem Klima
Die Lechfeldhaiden bestehen heute aus größeren, artenreichen Kalkmagerrasenflächen, die von Auwald mit Grauerlenbestand, Hecken und Gebüschen aus Wacholder immer wieder unterbrochen werden. Die offene Landschaft mit nur wenig zusammenhängendem Wald entstand durch extensive Bewirtschaftung. Es wurde mit Schafen, Rindern und Ziegen beweidet oder einmal pro Jahr gemäht (einschürige Mahd). Auf diese Weise wurde den beweideten oder gemähten Magerrasen massiv Nährstoffe entzogen, sie wurden immer „magerer“. Entsprechend niedrig ist die Höhe des Bewuchses, die teils in 10 cm Wuchshöhe schon nicht mehr geschlossen ist. Extreme Temperaturverhältnisse und -schwankungen sorgen für ein besonderes Mikroklima auf den Magerrasen. An sonnigen Stellen kann es bis zu 50 Grad im Sommer haben, im Winter wird es dafür empfindlich kalt. Entsprechend mussten sich die Pflanzen- und Tierarten auf Nährstoffarmut und extreme Lebensbedingungen spezialisieren und aufgrund von Konkurrenz um die knappen Ressourcen verschiedenste ökologische Nischen besetzen, um zu überleben. Dies führte zu der großen Artenvielfalt, die den Standort heutzutage so wertvoll macht: Im Frühjahr und Sommer blühen die Küchenschelle (Pulsatilla vulgaris) und der Frauenschuh (Cypripedium calceolus). Viele Heuschreckenarten leben dort, u.a. kann der Warzenbeißer (Decticus verrucivorus) beim Singen gehört werden. Ihr Feind, die auffällig gelb schwarz gestreifte Wespenspinne (Argiope bruennichi) ist hier mit ihrem Netz auf der Jagd. Wer aufmerksam im Frühjahr und Sommer dort spazieren geht, kann die vielen Arten selbst sehen, hören und entdecken.

Entstehung eines Kalkmagerrasens durch Mähgutübertragung
Durch das Bodenordnungsverfahren Scheuring III sollten innerhalb und außerhalb des FFH-Gebietes schmale Flurstücke besser erschlossen und Waldwege ausgebaut werden. Damit wurden Ausgleichsmaßnahmen notwendig. Die Untere Naturschutzbehörde empfahl daher aufgrund der räumlichen Nähe zu Teilflächen der „Prittrichinger Heide“ eine Maßnahme zum Biotopverbund durchzuführen, indem eine extensiv bewirtschaftete Grünfläche in einen Kalkmagerrasen, in diesem Fall in eine Pfeifengraswiese überführt und eine direkt angrenzende Hecke neu gepflanzt wird.

Im Frühjahr 2015 wurde dazu die obere Bodenschicht der Wiese bis zur Kiesschicht abgetragen, um die vorhandenen Nährstoffe zu entfernen, die Fläche also künstlich und schnell auszumagern. Der so gewonnene fruchtbare Boden verteilte die Gemeinde auf die ansässigen Landwirte. Im zweiten Schritt wurde Schnittgut von den angrenzenden Kalkmagerrasen der „Prittrichinger Heide“ ausgebracht und damit die Samen der autochthonen (im Gebiet vorkommenden) Pflanzen übertragen. Alles weitere musste nun die Natur bewerkstelligen. 2016 fand die erste Erfolgskontrolle statt, leider noch nicht zufriedenstellend. Da bei der Mähgutübertragung die enthaltene Samenanzahl zufällig ist, war es beim ersten Mal offensichtlich zu wenig. Daher musste die Mähgut-Übertragung wiederholt werden.

Parallel dazu wurden auf dem südlich angrenzenden Streifen der Wiese einheimische Sträucher wie z.B. die Schlehe (Prunus spinosa), der Eingrifflige Weißdorn (Crataegus monogyna) und der Wollige Schneeball (Viburnum lantana) gepflanzt. Die zusätzlich eingesetzten Baumarten Wildbirne (Pyrus pyraster) und Wildapfel (Malus sylvestris) kommen hier ebenfalls natürlich vor. Ein Zaun schützte vor Wildverbiss.

2018 und 2020 wurden die Flächen geprüft, mit sehr positivem Ergebnis. Die Mähgutübertragung und die Heckenanpflanzung sind ein voller Erfolg. Ein wertvolles Biotop ist damit neu entstanden.

Kleine Entstehungsgeschichte
Die besondere Morphologie der Lechfeldhaiden entstand während der Nacheiszeit. Das Wasser der geschmolzenen Gletscher sorgte für große Umlagerungen im Flusstal. Flussbettablagerungen, Flussterrassen, Aufschüttungen von Schwemmfächern an Mündungen von Seitentälern formten nun die Landschaft. Im südlichen Lechtal findet man diese Terrassenlandschaft, die in Richtung Klosterlechfeld immer flacher wird. Regelmäßige Überschwemmungen sorgten bis vor kurzem für die leicht bewegte, für eine Auenlandschaft typische Landschaftsform. Rinnen, in denen sich das Wasser nach der Überschwemmung wieder zurückzog, vertieften sich nach und nach immer weiter. In neuerer Zeit nahm durch die Flussbegradigung die Zahl der Überschwemmungen ab. In der Folge veränderte sich die Auenlandschaft langfristig.

Was bleibt, sind Schafe
Schon seit der Jungsteinzeit vor 7.000 Jahren lebten Menschen in den Lech Auen, die dort zunächst Wildtiere jagten. Als sie später dort Siedlungen gründeten, rodeten sie die Wälder für Brenn- und Bauholz, bis eine nahezu baumfreie Ebene entstand – die heutige Lechhaide. Diese karge Landschaft war für Ackerbau ungeeignet, deshalb wurde sie noch bis Mitte des 20. Jahrhunderts von durchziehenden Wanderschäfern mit ihrer Herde als Sommerweide genutzt. Heutzutage werden Schafe zur naturschutzfachlichen Pflege der Lechhaide eingesetzt.

Ideal für Schlachten
Auch für kriegerische Einsätze war die offene und damit recht übersichtliche Landschaft gut geeignet. Vor über 1000 Jahren hatten sich die ungarischen Truppen die Flächen ausgesucht, um hier mit Pfeil und Bogen die Schlacht mit Otto, dem Großen für sich zu entscheiden. Der Nahkampf war nichts für sie. Ihre Taktik war es, im freien Gelände den Gegner mit einem Pfeilregen anzugreifen. Bäume oder gar Wälder würden bei so einem Angriff nur stören. Des Weiteren nutzten sie die Steppenheiden als Weidegründe für die mitgeführten Pferde, die schnell und wendig und damit kriegsentscheidend waren und gut ernährt werden mussten. Ihre Invasions- und Fluchtwege führten entlang solcher Strukturen. Doch das ungarische Heer hatten nicht mit der Strategie des Königs und späteren Kaisers Otto, dem Großen gerechnet, der sich für seine Männer einen besseren und geschützteren Platz für die Schlacht aussuchte und sich dadurch einen entscheidenden Vorteil verschaffte. Selbst ein Fluchtmanöver der Ungarn, um den Feind aus der Reserve auf die offenen Flächen zu locken, missglückte. Dafür war Otto I. als Kriegsstratege zu versiert. So fand im Jahr 955 n. Chr. auf den Lechfeldhaiden eine große Schlacht zwischen den Truppen Otto’s I. und den ungarischen Kriegern statt, bei der Otto I. die Ungarn besiegte und damit das Land in ruhigere Zeiten führte. Heute kann man auf den Spuren dieser Begegnung in den Lechfeldhaiden wandeln, wandern und sich digital in diese Zeit versetzen lassen dank eines gemeinsamen LEADER-Projektes zwischen der Europäischen Union, Bayern und der Lokalen Aktionsgruppe Begegnungsland Lech-Wertach. Natürlich lohnt es sich, nebenbei die schöne Landschaft ausgiebig zu genießen.



Biodiversität im eigenen Garten
Die oben aufgeführten Gehölz-Arten können auch im eigenen Garten angepflanzt werden. Sie locken langfristig Vogelarten an, die hier energiereiche Nahrung und Schutz finden, um gut und gesund die kalte Jahreszeit überstehen zu können.
Frau Dr. Sophia Engel vom Landesbund für Vogelschutz (LBV) München nennt einige Gehölzarten, die sich besonders gut für die Vogelfütterung im eigenen Garten eignen:
Sie empfiehlt für die Drosselfamilie (Turdidae) und dabei speziell die Amseln (Turdus merula) die Pflanzung von Weißdorn (Crataegus monogyna), Schlehe (Prunus spinosa) und Mehlbeere (Sorbus aria). Wer die lebhaften und manchmal streitlustigen Grünfinken (Carduelis chloris) anlocken möchte, ist mit Rosen (Rosa canina) und deren Sammelnussfrüchten, den Hagebutten gut beraten, denn die Grünfinken knabbern die Samen der Hagebutten sehr gern. Generell bevorzugen Finkenarten wie Buchfink (Fringilla coelebs), Grünfink und der nur als Wintergast bei uns vorkommende Bergfink (Fringilla montifringilla) die Nüsschen von Hainbuche (Carpinus betulus) und Rotbuche (Fagus sylvatica). Das Rotkehlchen (Erithacus rubelcula) liebt die pink-orangen, sehr dekorativen Früchte des Pfaffenhütchens (Euonymus europaea). Die für den Menschen giftigen Früchte werden in manchen Gegenden sogar „Rotkehlchen Brot“ genannt.

Die Insektenfresser unter den Vögeln, die nicht als Zugvögel in mildere Gegenden ziehen, sondern bei uns ausharren, müssen ab dem Herbst ihre Nahrungsgewohnheiten umstellen, denn die Insekten sind bis zum Frühjahr nicht mehr unterwegs. Die Vögel verzehren dann verstärkt weichschalige Früchte wie die des Holunders (Sambucus nigra). Der hohe Zuckergehalt der Beeren und Früchte liefert auch Zugvögeln wie Mönchs- (Sylvia atricapilla) und Gartengrasmücken (Sylvia borin) viel Energie für die anstrengenden Flüge ins Winterquartier und ersetzt die fehlende Insektennahrung.

07.12.2020

Regierungsbezirk: Oberbayern