Mit A.ckerwert nachhaltig verpachten

Das Interesse für den Infopfad in Teisbach durch eine Blühfläche ist groß

Die Hälfte aller landwirtschaftlichen Flächen in Bayern ist verpachtet. Doch was tun, wenn man Eigentümer einer solchen Fläche ist und sich eine naturverträgliche Bewirtschaftung wünscht? Kann man darauf Einfluss nehmen? Man kann. Mehr noch: „Eigentum verpflichtet sogar“, sagt Lioba Degenfelder, „so steht es auch im Grundgesetz.“ Die Projektleiterin von „A.ckerwert“ berät und unterstützt Verpächter dabei, eine lebendige und nachhaltige Agrarlandschaft auf ihren Äckern und Wiesen zu fördern. Gemeinsam im Dialog mit den Landnutzern und den Fachberatungen zeigt A.ckerwert die Möglichkeiten auf, mehr Naturschutzmaßnahmen in die Flächen zu bringen. Seit 2020 gibt es dieses Pilotprojekt von Land.belebt in den drei niederbayerischen Landkreisen Dingolfing-Landau, Landshut und Rottal-Inn. Im Gespräch mit Land.belebt erklärt Lioba Degenfelder, worum es dabei geht.

November 2020

Regierungsbezirk: Niederbayern

Frau Degenfelder, wie funktioniert A.ckerwert?
L. Degenfelder: A.ckerwert berät Eigentümer von landwirtschaftlichen Flächen dabei, ihre Pachtverträge so zu gestalten, dass ihre Äcker und Wiesen in ihrem Sinne, nämlich nachhaltig und naturverträglich bewirtschaftet werden. Dafür zeigen wir die Möglichkeiten auf, die es dafür gibt, und die am besten zu der Fläche und zu den Beteiligten passen.

Was ist Ihre Aufgabe dabei?
L. Degenfelder: Ich bin die Wegbegleiterin. Wir – Verpächter, Pächter und ich schauen uns gemeinsam die Fläche an und überlegen, was dort möglich ist. Wir fragen auch die Landwirte, was sie sich vorstellen könnten, denn die Maßnahmen müssen ja auch zu ihrem Betrieb passen. Ein Vertragsnaturschutzprogramm? Ein Erosionsschutzstreifen am Hang? Das kann aber auch mal eine Ackerbrache bei kleinen Restflächen sein, eine Hecke oder ein Gewässerrandstreifen. Mir ist es wichtig, von Beginn an Fachleute dabei zu haben, deshalb hole ich immer gleich die Fachberater für Vertragsnaturschutz, Agrarökologen oder Biodiversitätsberater dazu. Die machen vor Ort die passenden Vorschläge, damit wir nicht über Luftschlösser diskutieren. Denn man kann auf jeder Fläche etwas verbessern. Wir geben dann Hilfestellung bei den Formulierungen in den Pachtverträgen, sprechen gemeinsam mit den Landwirten und machen auf Förderprogramme aufmerksam. Diese Leistung ist für alle kostenlos.

Was ist denn die Motivation der Verpächter, die zu Ihnen kommen?
L. Degenfelder: Das sind zwei große Gruppen. Zum einen sind das Menschen, die kaum oder keinen Bezug zur Landwirtschaft haben. Sie haben die Flächen vielleicht geerbt, wohnen weiter weg, beschäftigen sich aber bewusst mit Ökothemen und mit Ernährung. Zum anderen sind das Menschen, die vor Ort leben, oft etwas älter sind, und die die Intensivierung der Landwirtschaft auf ihren Äckern mit „Bauchweh“ erleben. Bei den Verpächtern sehen wir einen guten Ansatz, Veränderungsprozesse in der Agrarlandschaft anzustoßen, die auf einem vertrauensvollen Wirken zwischen Eigentümer und Landnutzer fußen.

Wie reagieren denn die Landwirte darauf, die die Flächen bewirtschaften?
L. Degenfelder: Die allermeisten Flächen, die wir bis jetzt beraten haben, werden von konventionellen Landwirten bewirtschaftet, und die meisten sind sehr kooperativ. Viele haben oft noch gar nicht über andere Möglichkeiten nachgedacht und sind sehr aufgeschlossen für die Förderprogramme zum Vertragsnaturschutz. Einige kümmern sich dann sogar selbst darum, das auch auf ihren anderen Flächen zu machen. Es geht ja nicht darum, Pachtverträge zu kündigen und jemandem Flächen wegzunehmen. Es geht in erster Linie darum, bestehende Verträge für Naturschutzmaßnahmen zu verändern. Ein Pächterwechsel ist selten, viel häufiger setzen konventionelle Landwirte Naturschutzmaßnahmen um. Dafür stelle ich die Möglichkeiten dar und bringe die Beteiligten in den Dialog. Doch es ist klar: Die Eigentümer haben einen machtvollen Hebel, der muss aber mit Vorsicht und Bedacht eingesetzt werden.

Was bedeutet das für beide Seiten?
L. Degenfelder: Den Flächeneigentümern wird bewusst, dass sie eine Mitverantwortung haben, was auf ihren Flächen passiert. Sie haben die Macht darüber und können gestalten. Ich mache den Eigentümern klar, dass der Pächter mit den Maßnahmen dann vielleicht weniger auf der Fläche erwirtschaftet oder einen Mehraufwand hat, und dass die Förderung, die er dafür bekommt, nicht beim Eigentümer landen kann, sondern ein Ausgleich für ihn ist. Dafür braucht er einen fairen Pachtpreis und eine vernünftige Pachtdauer. Die Verpächter bekommen ihr Eigentum aber in einem vitalen und gesunden Zustand zum Weitervererben an ihre Kinder und Enkel zurück. Auf der anderen Seite sind viele Landwirte auf der Suche nach bezahlbaren Flächen, sie können mancherorts die Pachtpreise gar nicht mehr bezahlen. Für die Landwirte ist es also positiv, wenn die Flächeneigentümer nicht nur Investoren sind, die ihre Äcker als Geldanlage sehen, aus denen sie möglichst viel herausholen können. Denn es geht um Vertrauen und Beziehungen untereinander. Außerdem bekommen ja auch die Landwirte eine kostenlose Beratungsleistung. Manche sehen das dann als spannendes Experimentierfeld. Probieren neue Methoden der Bodenbearbeitung aus oder bauen andere Sorten an.

Hat das Auswirkungen in der öffentlichen Wahrnehmung?
L. Degenfelder: Die Landwirte erfahren eine positive Wertschätzung, wenn sie die Maßnahmen umsetzen. Das begleiten wir auch mit viel Öffentlichkeitsarbeit. Wir stellen die Landwirte in den Fokus, holen sie vor die Kamera, zeigen, was sie Tolles machen. Wir veröffentlichen Presseartikel dazu, machen Radio und Fernsehen darauf aufmerksam. Wir initiieren Veranstaltungen, in denen Landwirte ihre Flächen zeigen und erzählen, warum sie welche Maßnahmen dort umgesetzt haben. Das alles stößt auf großes Interesse in der Bevölkerung und auf eine positive Wahrnehmung. Wir bedienen hier aber auch alle Kanäle, die es gibt. Nicht nur die klassische Pressearbeit, sondern auch per Facebook und Instagram. Und wir machen innovative Veranstaltungsformate, bei denen wir über den Tellerrand hinausschauen wollen. Eine Radltour zu den Junglandwirten, bei denen wir sie fragen, was ihnen an ihrer Heimat wichtig ist. Oder einen Floristikkurs, bei dem wir mit den Landwirtinnen auf die blühenden Flächen gehen und den Blick auf die Ästhetik der Landschaft lenken. Das erzählt dann auch einmal ganz andere Geschichten der Landwirte und bringt eine neue gesellschaftliche Anerkennung ihres Tuns.

Gelingt es damit, die Menschen für Naturschutzmaßnahmen in der Landwirtschaft zu begeistern?
L. Degenfelder: Wir müssen es den Menschen so einfach wie möglich machen, sich nachhaltig zu verhalten. Doch dazu müssen wir verstehen, was die Menschen wollen. Im Naturschutz ist wahnsinnig viel Expertenwissen vorhanden, aber es geht nur schwer in die Umsetzung. Die „Benutzeroberfläche“ im Naturschutz muss anwenderfreundlicher werden. Wir sehen uns als Schnittstelle zwischen Landwirt, Flächeneigentümer und Naturschutz. Wir nehmen den Leuten den Schrecken vor Förderrichtlinien, nehmen ihnen die Angst vor Vertragsformulierungen, vor Gesprächen mit den Beteiligten. Wir kommunizieren mit Bildern, mit Videos, machen den Leuten Lust darauf, Naturschutzmaßnahmen umzusetzen. Und wir versuchen, die Beweggründe und Bedürfnisse beider Seiten zu vermitteln und damit Vertrauen und Verbindlichkeit für eine langfristige Zusammenarbeit zu schaffen.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft des Projekts?
L. Degenfelder: Ich bin ja keine Maklerin für die Flächen, Verpächter und Pächter müssen selbst zusammenfinden. Deshalb wäre eine interaktive Karte toll, auf der Angebot und Nachfrage abrufbar wären. Wer auf einen Punkt auf der Landkarte klickt, sieht die Fläche und die Rahmenbedingungen, wie sie bewirtschaftet werden soll. So fänden Verpächter und Pächter schnell und passgenau zusammen. Davon würden auch besonders Kleinflächen profitieren, die für große Betriebe meist nicht lohnend zu bewirtschaften sind. Die aber interessant sind für Nebenerwerbslandwirte, für Pferde- oder Ziegenhalter, die das Heu brauchen. Für sie wäre das eine gute Plattform. Und klar, ich wünsche mir, dass das Projekt wächst, dass sich viele Menschen beteiligen und dass wir auch in anderen Regionen aktiv sein dürfen.

Weitere Informationen:
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Projektgebiet
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